Ute als Schülerin

Was ist ein Vergleich?

Ich erinnere mich an eine Situation aus meiner Schulzeit, die ich niemals in meinem Leben vergessen habe: Es war Ende der 2. Klasse. Damals gab es noch keine Zeugnisse mit Verbalbeurteilungen sondern Noten. Wir alle hielten unsere Zeugnisse in Händen und natürlich stellten wir Vergleiche mit unseren Noten an. Ich war stolz, denn ich hatte genauso viele Einser wie meine Freundin. Endlich hatte ich es geschafft, genauso gut zu sein wie sie.

Plötzlich stand mein Klassenlehrer vor mir und sagte: „Bärbel ist aber besser als du, Ute – sie hat mehr Einser als du.“ Da erwachte der Löwe in mir und ich erwiderte: „Ich bin genauso gut wie Bärbel. Sie hat genauso viele Einser wie ich!“

Ziehen wir nicht alle ständig Vergleiche heran: Schulnoten, Auto, Haus, Job, Urlaub, Ehepartner, Essen, Kleider, Aussehen?

Und wie oft hast du deine Tochter mit deinem Sohn verglichen oder dein älteres Kind mit dem jüngeren und umgekehrt? Das fängt schon bei den Babys an: „Der konnte schon früher laufen! Die war schon viel früher sauber!“ usw. usw.

Wie oft hast du schon die Fähigkeiten von deinem Kind in Schule oder Sport mit denen ihrer Freunde verglichen? Hast du nicht schon des öfteren Vergleiche herangezogen: „Dein Freund hat wieder den ersten Platz in irgendeiner Sportart belegt!“ Oder: „Deine Schwester konnte bereits mit fünf Jahren Flöte spielen. Sie ist auch nie so schmutzig nach Hause gekommen wie du und sie hat ihr Zimmer immer aufgeräumt!“

Vergleiche Licht und Schatten

Ich könnte die Aufzählung weiter und weiter führen, denn du kennst diese Behauptungen. Und auch ich habe sie so ähnlich als Kind zu hören bekommen und habe leider auch solche Vergleiche bei meinem eigenen Sohn angeführt. Heute weiß ich es besser und ich bemühe mich, nicht mehr diesen Fehler zu machen; das ist harte Arbeit an mir selbst.

Vergleich

Als Erwachsene vergleichen und bewerten wir gerne. Dabei wollen wir den Kindern zeigen, was richtig und falsch, gut oder böse, und vor allem, was richtig und wichtig für ihr zukünftiges Leben ist.

Wer hat eigentlich festgelegt, was richtig und was falsch ist? Und wieso dürfen wir Erwachsene uns anmaßen, unseren Kiddies zu sagen, was für ihr zukünftiges Leben wichtig ist?

Hast du dich schon einmal gefragt, wie dein Kind sich fühlt, wenn es verglichen wird? Und welche Auswirkungen dies auf es hat?

Fällt der Vergleich negativ für das Kind aus, dann kann es sich doch nur als Versager, als Schwächling vorkommen. In der Schule sind dann die anderen die Klügeren, die Besseren. Und jetzt bedenke einmal, wie viele Jahre die Kindheit und Schulzeit dauert!

Diese Sätze von Eltern, Großeltern und Lehrern nimmt ein Kind unbesehen auf. Es nimmt an, dass sie wahr sind. Und das Schlimme daran ist, dass man als erwachsener Mensch diese Sätze immer noch mit sich „herumschleppt“ und von ihnen gesteuert wird. Krass – ja oder ja?

So wie ich die Situation als 7-jährige in meinem Leben nicht vergessen habe, so geht es auch anderen Kindern. Und nicht alle Kids sagen dann: „so, jetzt erst recht. Denen zeige ich, dass ich besser, klüger, cleverer bin!“ Nein, viele – meines Erachtens zu viele – resignieren. Sie haben dann als ältere Kinder und auch als Erwachsene kein allzu großes Selbstbewusstsein.

Einige der Kinder, die immer nur negative Bewertungen von den Eltern, Großeltern und Lehrern bekommen, haben einen sehr niedrigen Selbstwert und ein geringes Selbstbewusstsein. Ihre Bemühungen, genauso gut in Mathe oder Sport zu sein wie die Klassenkameraden, sind zum Scheitern verurteilt. Diese Kiddies versuchen dann eben, auf andere Weise Beachtung zu erhalten: Sie spielen sich in ihrer „AD(H)S-Ausprägung“ als Klassenclown oder als Zappelphilipp in den Vordergrund. Klassenclown und Zappelphilipp versuchen beide, von den Mitmenschen wahrgenommen zu werden. Sie selbst leiden unter ihrem negativen Beachtungs- bzw. Aufmerksamkeitssyndrom „AD(H)S“! Es ist eigentlich ein Hilfeschrei der Kids: „Hallo, ich bin auch hier! Hallo, mich gibt es auch! Hallo, hab mich doch auch lieb!“ usw.

Die Ursache –ich spreche bewusst nicht von Schuld, denn Eltern, Großeltern wie Lehrer handeln so, wie auch sie es erfahren und gelernt haben – ist auch nicht nur bei den Eltern/Familie oder Lehrer/Schule zu suchen, sondern sie ist in unserer Leistungsgesellschaft  zu suchen, die im Grunde eine Bewertungsgesellschaft ist.

TIPP: Nimm dein Kind an, so wie es ist. Unterlasse Vergleiche mit anderen Kindern. Wende deinen Blick vom Negativen auf das Positive: Sieh die Talente und Stärken von Sohn bzw. Tochter. Und verstärke die Talente und Stärken durch dein häufiges Lob.