AD(H)S-Expertin Ute Gilbert

Erfahrungen als Klassenlehrer mit „AD(H)S-Kindern“.

Schon am nächsten Tag brachte mir Paul seinen Brief an die Eltern mit. Den handschriftlichen Brief habe ich mir damals kopiert. Damals hatte ich nicht daran gedacht, ihn jemals wieder im Zusammenhang mit AD(H)S zu nutzen.

Ich gebe den Brief leicht gekürzt „geglättet“ wieder:

>> Liebe Eltern!

Bei der letzten Sitzung mit Frau X war auch Frau Gilbert dabei. Sie hat mir geraten, meine Wünsche und auch meine Kritik an euch in einem Brief aufzuschreiben. Das tue ich jetzt.

Mein Wunsch war es ja eigentlich  gewesen, auf die Hauptschule und nicht auf die Realschule zu gehen. Ich will nämlich mal Elektriker oder Automechaniker werden. Aber Papa hat ja immer gesagt, ich solle es mal besser haben als er.

Eigentlich sollte ich ja sogar aufs Gymi gehen, weil fast alle meine Klassenkameraden aufs Gymi wechselten und weil ich doch einmal das Abi machen sollte. Ich bin so froh, dass meine Noten für das Gymi zu schlecht waren.

Inzwischen gefällt es mir ja auf der Realschule, aber mein bester Freund Gregor fehlt mir. Denn der ist ja nur auf der Hauptschule.

Und dann habe ich noch einige Wünsche an euch:

Ich möchte mit dem Gitarrenunterricht aufhören und dafür lieber im Musikverein ein Instrument lernen, da auch Gregor dort ist.

Ich möchte mittags mehr Freizeit haben und nicht immer mit Mama meine Hausaufgaben machen müssen.

Ich will nicht dauernd von Mama abgehört werden.

Ich möchte lieber mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Höchstens wenn es stark regnet oder ganz kalt ist, kann mich Mama mit dem Auto fahren. Ich werde nämlich immer von meinen Klassenkameraden ausgelacht, weil mich meine Mama immer noch zur Schule bringt.

Ich möchte, dass Papa mehr mit mir spielt.

Ich will, dass wir am Wochenende alle drei gemeinsam etwas unternehmen.

Papa könnte mir ja auch mal was erklären, wenn ich in der Schule etwas nicht verstanden habe und nicht nur Mama. Papa fragt immer nur nach meinen Noten – das geht mir auf den Keks.

Ich möchte auch einen eigenen Computer mit einem Drucker.

Ich möchte gerne dabei sein, wenn Ihr mir Spiele kauft.

Ich möchte mein Zimmer anders einrichten und ich will auch, dass ihr anklopft, bevor ihr reinkommt. Und Oma und Opa sollen das auch tun.

Ich möchte auch mehr Taschengeld, denn viele von meinen Klassenkameraden bekommen 5 DM mehr als ich.

Ich möchte gerne einen Hund.

Ich möchte gerne mal eine Schiffsreise mit euch machen.

Ich hoffe, dass ihr mir nicht böse seid, Euer Paul <<

 

Ich bat Paul, seinen Brief erst den Eltern zu geben, wenn wir beide über den Inhalt gesprochen hätten.

Das Gespräch mit Paul persönlich hatte ich damals nicht aufgezeichnet und kann es deshalb nur anhand meiner Notizen, die ich auf die Rückseite des Briefes notiert hatte, rekonstruieren.

Auf meine Frage an Paul, warum er den Brief nicht mit „Liebe Mama, lieber Papa“ begonnen hätte, antwortete er sinngemäß, dass er nicht so gerne „lieber Papa“ sage. „Liebe Mama“ sei ok, aber „lieber Papa“ höre sich für ihn komisch an. „Komisch“ hat er nach meinen Notizen wirklich gesagt. Ich notierte es mir damals und wollte bestimmt später noch einmal darauf zurückkommen.

Auf meine Frage, was sein größtes Problem oder sein größter Wunsch sei, antwortete Paul: „Ich komme mir vor wie in einem Käfig. Ich bin den ganzen Tag eingesperrt“. Was für ein Bild er da vor Augen habe, fragte ich ihn. „Ich fühle mich wie ein Tiger im Zirkus, der meistens in einem engen Käfig eingesperrt ist und ab und zu in der Manege seine Kunststücke vorführen muss.“

Ich bat Paul, dass er seinen Eltern den Brief geben solle und mir dann von deren Reaktion berichten solle.

Eine Woche später erzählte Paul mir von der Reaktion seiner Eltern. Sie seien zunächst über die Wünsche etwas erstaunt gewesen. Besonders der Vater. Er hätte gesagt, dass er das Verhältnis zu ihm gar nicht so negativ empfunden hätte. Denn er müsse halt viel arbeiten, damit es der Familie gut gehe. Aber über die anderen Wünsche wollten sie gemeinsam mit ihm reden und dann sehen, welche Wünsche erfüllt werden könnten. Auf alle Fälle wolle die Mutter ihm mehr Freiheiten geben, aber darüber erst noch einmal mit den Lehrern sprechen.

Inzwischen hatte ich meiner Kollegin eine Kopie von Pauls Brief gegeben, damit auch sie über Pauls Wünsche informiert war.

Zwei Wochen später saßen wir zu viert, also die Eltern und wir beiden Kolleginnen, zusammen und hatten ein wirklich sehr gutes Gespräch. Der Begriff „AD(H)S“ wurde allerdings dabei nicht direkt angesprochen.

Die Eltern berichteten, dass sie jetzt viel öfter miteinander reden würden. Die Eltern hatten außerdem schon vereinbart, dass die Wünsche von Paul, die Geld kosten, wie Computer kaufen, Zimmer einrichten und Schiffsreise machen, nach und nach umgesetzt werden würden. Der Wunsch nach einem Hund wollten die Eltern Paul auch irgendwann erfüllen. Allerdings sei die Frage, welche Rasse es denn sein solle, noch nicht ganz geklärt. Außerdem könnte dabei auch der Preis eine Rolle spielen. Die Eltern hatten schon im Tierheim nachgefragt, leider gäbe es dort im Moment keine Welpen, die in Frage kämen.

Meine Kollegin ermunterte die Eltern, gerade diesen Wunsch von Paul nicht auf die lange Bank zu schieben. Paul solle für das Haustier selbst die Verantwortung übernehmen, was unter anderem auch für seine Persönlichkeitsentwicklung förderlich sei. Dies hatten die Eltern noch gar nicht so gesehen und sie versprachen, den Hundewunsch so bald als möglich zu erfüllen.

Außerdem ermutigten wir die Eltern, Pauls Wunsch nach der Neugestaltung seines Zimmers ebenfalls nicht auf die lange Bank zu schieben, denn auch dies wäre gut für seine Persönlichkeitsentwicklung.

Meine Kollegin griff dabei auch Pauls Vergleich mit einem Zirkustiger auf und erklärte den Eltern dieses Bild.

Du erinnerst dich, Paul antwortete auf die Frage, wie er sich denn so fühle mit folgenden Worten:

„Ich fühle mich wie ein Tiger im Zirkus, der meistens in einem engen Käfig eingesperrt ist und ab und zu in der Manege seine Kunststücke vorführen muss.“

Meine Kollegin erläuterte den Eltern Pauls Bild folgendermaßen.

>> Der Tiger ist ein Tier, das normalerweise in der freien Wildbahn ein riesiges Revier für sich hat. Nun ist dieser Tiger jedoch in einem engen Käfig eingesperrt und darf diesen nur verlassen, um entweder in der Manege dressiert zu werden oder um dort seine Kunststücke vorzuführen.

Paul fühlte sich ja wie dressiert. Auf ihn bezogen bedeutet Dressur: entweder er lernt in der Schule oder zu Hause für die Schule. Wenn er das tut, was Eltern und Lehrer von ihm erwarten, dann bekommt er, wie auch der Tiger, eine Belohnung. Der Tiger bekommt ein Stück Fleisch und Paul bekommt seine Belohnung in Form von Lob, einer guten Note, eines Geschenks etc.

Hat Paul aber die Erwartungen nicht erfüllt – was meistens der Fall war – so gibt es stattdessen Ärger in Form von Tadel, Ermahnungen, Nachsitzen, Hausarrest und schlechten Noten.

Gerade Kinder wie Paul brauchen besonders viel Aufmerksamkeit und außerordentlich viel Lob. Wenn Paul das Lob nicht durch gute Noten erhält, dann muss er es eben auf andere Weise erfahren wie z.B. beim Fußballspielen. Und besonders die Aufmerksamkeit und das Lob des Vaters sind außerordentlich wichtig. Wenn er dies nicht vom Vater bekommt, dann empfindet Paul das wahrscheinlich als Liebesentzug <<. Soweit die Erklärung meiner Kollegin. Sie sprach damit einige Verhaltensmuster an, die für AD(H)S typisch sind.

Pauls Eltern waren diese Zusammenhänge mit AD(H)S nicht so bewusst gewesen.

Um die Geschichte hier abzukürzen: Paul bekam sofort nach unserem Gespräch seinen Hund – einen Mischling. Und er durfte im Musikverein mitspielen statt bei einem Musiklehrer alleine das Gitarre spielen zu erlernen.

Zusehends wurden Pauls AD(H)S-Verhalten und auch seine schulischen Noten besser. Außerdem war er nach einiger Zeit im Unterricht überhaupt nicht mehr auffällig. Die Medikamente wegen AD(H)S hatten sich damit erübrigt.