Malendes Mädchen

Die Welt mit den eigenen Augen sehen

Heute möchte ich dir eine Geschichte schenken [1]. Es geht darum, die Welt mit den eigenen Augen zu sehen:

„Der Mann näherte sich einem Städtchen. Dort sah er ein Mädchen, das seine Staffelei auf dem Marktplatz aufgestellt hatte und malte. Er beobachtete das Mädchen aus einer gewissen Distanz. Bald fiel ihm auf, dass ein Herr in Anzug dem Mädchen über die Schulter linste. Immer näher kam jener Herr, ohne dass sich das Mädchen aus der Ruhe bringen ließ – selbst als er die Hände auf ihre Schulter legte. „Lass mich arbeiten, Vater.“ Das Mädchen drehte sich um. „Was malst du?“ „Die Stadtmauer, die Hängebuche und den Marktplatz.“

Der Vater kniff die Augen zusammen und zog seinen Kopf zurück. „Aber das, was du malst, ist doch weder die Stadtmauer noch die Hängebuche noch der Marktplatz.“ „So sehe ich es“, sagte das Mädchen und drehte den Pinsel auf der Palette aus. Der Vater sah sich nochmals das Gemälde an und schüttelte den Kopf. „Ich erkenne weder das eine noch das andere.“ „Du siehst die Dinge mit deinen Augen und ich sehe sie mit meinen“, antwortete das Mädchen und malte weiter.

Der Vater machte ein paar Schritte quer über den Marktplatz, die Arme mit gefalteten Händen hinter dem Rücken, und steuerte wieder auf seine Tochter zu. „Was du gestern gemalt hast, ist schöner.“ „Wenn du etwas siehst, was dir gefällt, heißt das nicht, dass es besser ist als etwas anderes“ sagte das Mädchen. „Es heißt nur, dass du es mehr magst als das andere. Wenn du das Bild von gestern schöner findest, bedeutet das nicht, dass irgendetwas speziell daran ist. Es sagt nichts über das Bild aus, sondern nur über dich.

Der Vater beugte seinen Kopf vor. Er ließ nicht locker. „Soll das die Hängebuche sein?“ Er zeigte mit dem Finger auf einen grünen Fleck. „Ja.“ „Aber wenn das die Hängebuche sein soll, dann stimmt die Relation nicht. Sie ist viel größer und ragt weit über die Stadtmauer hinaus. Ich nehme an, dieser graue Fleck hier“ –er deutete wieder auf das Bild- „soll die Stadtmauer sein.“ Das Mädchen schwieg. „Warum malst du die Blumen, die entlang der Stadtmauer wachsen, so groß wie die Hängebuche?“ „Wenn ich die Buche hervorhebe, treten die anderen Dinge, die auch schön sind, in den Hintergrund. So wie die Blumen hier“, sagte das Mädchen und grinste.“[1]

Malendes Mädchen

„Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind“ [2]. Das Mädchen erkennt die Schönheit der gesamten Natur. Und die ist ihm wichtig. Deshalb malt es die Hängebuche und die Blumen gleich groß. Für das Mädchen hat alles, auch die Stadtmauer, die gleiche Bedeutung – alles ist gleich schön. Also malt es auch alles gleich groß.

Der Vater meint es eigentlich gut mit seiner Tochter. Er sieht eben die Welt mit anderen Augen – mit seinen Augen. Er nimmt die Welt mit den Augen eines Erwachsenen wahr: Sind alle Dinge gezeichnet? Stimmen die Farben? Stimmen die Relationen? Und natürlich bemerkt er sogleich, dass die Größenverhältnisse überhaupt nicht stimmen. Ohne zu fragen, kritisiert er seine Tochter. „Das hast du nicht richtig gemacht. Das ist vollkommen falsch. Das kannst du nicht. Ich erkenne weder das eine noch das andere.“

Wie oft hören Kinder Sätze wie die obigen. Und diese Sätze brennen sich tief in die Seele und das Gehirn eines Kindes ein. Sie sind unauslöschlich. Das Kind ist „gebrandmarkt“. Diese Sätze nimmt es sich zu Herzen: „Das hast du nicht richtig gemacht. Das ist vollkommen falsch. Das kannst du nicht.“ usw.

Der Vater steht in dieser Geschichte stellvertretend für das Umfeld des Mädchens: Eltern, Großeltern, Verwandte, Freunde, Lehrer etc. Sie alle nehmen sich das Recht heraus, Kinder zu kritisieren. Normalerweise nehmen Kinder diese Sätze als die Wahrheit auf und speichern sie in ihrem Unterbewusstsein ab. Glücklicherweise lässt sich das Mädchen von ihrem Vater nicht beirren.

„Du siehst die Dinge mit deinen Augen und ich sehe sie mit meinen“. Würden doch alle Kinder die vielen negativen Behauptungen von Eltern, Großeltern, Lehrern etc. überhören können und die eigenen Stärken in sich erkennen können.

Übrigens noch etwas Kurioses am Rande: Walt Disney wurde von seinem Zeitungsredakteur gefeuert, weil er nicht genügend Vorstellungskraft und Ideen hatte!

 

Quellen:

[1] Aus: Clara Maria Bagus: Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen –eine Reise zur Leichtigkeit. Allegria, 2016. Abgedruckt in: Natur & heilen 6/2017, S.11

[2] Ausspruch von Marc M. Galal