AD(H)S-Expertin Ute Gilbert

Meine Erfahrungen als Klassenlehrerin mit einem „AD(H)S-Kind“.

In den 80-er Jahren kam ich nach meinem Referendariat an eine Realschule im Schulamtsbezirk Stuttgart und hatte keine Ahnung, was AD(H)S ist.

Zum Schuljahresbeginn wurde ich Klassenlehrerin einer 5.Klasse, die ich in Mathematik, Biologie und IT (Informationstechnische Grundbildung oder kurz Computer) unterrichtete.

Der Biologieunterricht bot sich für IT an, weil die Schüler so lernen sollten, nicht nur Texte z.B. für ein Referat zu schreiben, sondern auch vorgegeben Texte (Arbeitsblätter oder Infos aus dem Internet) zu bearbeiten.

Wichtig ist und war mir schon immer, dass Eltern und Schüler erkennen: Der Computer ist nicht nur für Spiele da, sondern bietet auch Hilfe im Unterrichtsalltag für alle Fächer.

Als Lehrerin lag mir stets am Herzen, einen guten Kontakt zu den Eltern aufzubauen. Meine Einstellung ist und war es schon immer: Elternhaus und Schule – in dem Fall ich als Lehrerin -ziehen an einem Strang zum Wohle des Kindes.

Zwei Wochen nach Unterrichtsbeginn rief mich damals eine Mutter an. Ich kannte sie vom Sehen. Nach dem Small Talk erzählte mir die Mutter ganz beschämt, ihr Sohn leide an ADHS.

 

Das „AD(H)S“-Kind Paul

Von AD(H)S hatte ich zwar schon gehört, aber während meiner Ausbildung war ich mit diesem Problem noch nicht konfrontiert worden. Und damals wurde das Thema nur am Rande gestreift. Während einer Fortbildung hatte ich mich jedoch schon ausgiebig über dieses Thema informiert.

Ich sagte also der Mutter, dass ich bei ihrem Sohn noch keinerlei Anzeichen von Hyperaktivität hätte feststellen können – im Gegenteil. Er verhalte sich sehr ruhig und wirke manchmal sogar etwas schläfrig. Ja, antwortete sie, das sei auf die Medikamente zurückzuführen, die er morgens  vor Unterrichtbeginn bekäme.

Ich war geschockt. Ein Kind in diesem Alter, das normalerweise voller Tatendrang und Entdeckungslust steckt, wird ruhig gestellt? Nach einem tiefen Durchatmen versicherte ich der Mutter, dass ich mich mit den anderen Fachlehrerinnen und Fachlehrern in Verbindung setzen und sie noch vor dem Elternabend anrufen würde. Damit war sie einverstanden.

Zunächst informierte ich mich noch einmal selbst intensiv über AD(H)S. Außerdem befragte ich die Kolleginnen und Kollegen, wie der Schüler (nennen wir ihn Paul) sich bei ihnen im Unterricht verhielte.

Alle berichteten einstimmig, dass Paul ein ruhiger, unauffälliger Schüler sei, doch manchmal mache er einen etwas müden Eindruck. Nach Rücksprache mit unserem Schulleiter setzte ich unsere Schulpsychologin von dem Gespräch mit der Mutter und meinen Erkundigungen bei den Kollegen in Kenntnis.

Ich vereinbarte mit der Mutter einen Gesprächstermin.

 

Das Eltern-Gespräch

Grundsätzlich lud ich zu Elterngesprächen beide Elternteile ein. Also ging ich davon aus, dass auch beim „ADHS“-Kind Paul beide Elternteile kommen würden. Weit gefehlt. Obwohl ich beide Elternteile eingeladen hatte, kam zu dem Termin nur die Mutter alleine.

Bei diesem Gespräch ließ ich zuerst die Mutter zu Wort kommen. Sie stellte mir ihren Sohn aus ihren Augen vor: aufgeweckt, voller Bewegungsdrang, chaotisch, freundlich, hilfsbereit und außerordentlich sensibel.

Dann unterbreitete ich ihr den Vorschlag, dass die speziell auf „auffällige Schüler“ ausgebildete Kollegin sich mit Paul zu einem Gespräch treffen werde, und dass wir dann gemeinsam (die Mutter, der Vater, Paul und ich) das weitere Vorgehen besprechen würden.

Ich vereinbarte mit der Mutter, dass Paul in den nächsten Wochen ohne Medikamente morgens zur Schule kommen solle.

In den folgenden drei bis vier Wochen erlebte ich morgens einen aufgeweckten und bisweilen auch  zappeligen Jungen. Je weiter der Tag voran schritt,  desto unruhiger wurde Paul. Manchmal wurde er seinen Mitschülern gegenüber auch aggressiv.

Ich kontaktierte also wieder meine Kollegin, die Paul daraufhin einlud, einmal wöchentlich in ihre Sprechstunde zu kommen, was dieser auch gerne annahm. Gleichzeitig vereinbarte ich mit den Eltern und Paul einen Gesprächstermin.

Der Termin kam. Die Kollegin und ich waren da. Ebenso die Mutter. Der Vater fehlte. Die Mutter entschuldigte ihn – er müsse einen wichtigen Termin vorbereiten. Soviel zur Prioritätensetzung beim Vater. Doch dazu später.

Von der Mutter erfuhren wir, dass ihr Mann „eigentlich nie viel Zeit mit Paul verbringt, weil er geschäftlich sehr viel um die Ohren hat.“

Was die Mutter in Wirklichkeit sagte, wenn wir die Floskel „eigentlich“ einmal streichen, lautet übersetzt: „Mein Mann hat für Paul keine Zeit, weil ihm das Geschäft wichtiger ist als sein Sohn.“

Das würde der Vater natürlich vehement verneinen. Er würde sagen: „Ich nehme doch all die Lasten, die mein Beruf mit sich bringt, auf mich. Und für wen? Doch in der Hauptsache für meinen Sohn. Er soll es später einmal im Leben besser haben als ich. Ich konnte kein Abitur machen, sondern habe mich vom Meister zum Abteilungsleiter hochgearbeitet – ein wirklich mühseliger Weg!“

Dies ist die Sicht vieler Väter, die ihren Beruf, ihr „Geschäft“, in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen.

 

Gedankenaustausch mit der Kollegin

Nach dem Gespräch mit der Mutter lautete meine erste Frage an meine Kollegin: „Hat der Vater nicht auch ein „Aufmerksamkeitsdefizit“?“ Soll heißen: Kümmert sich der Vater überhaupt um den Sohn? Oder „läuft der Sohn nur mit“?

„Und reagiert vielleicht Paul nur deshalb mit Hyperaktivität, um die Eltern, und zwar besonders den Vater, auf sich aufmerksam zu machen?“

Die Mutter hatte uns nämlich berichtet, dass sie nur noch halbtags beschäftigt sei seit Paul zur Schule ginge. So habe sie nachmittags Zeit, um Paul bei den Schularbeiten zu helfen und um ihn zu seinen Trainingseinheiten zu fahren (Fußball, Tennis und Gitarre).

Dies ist die Beschäftigung vieler Mütter, die glauben, so am besten für ihre Kinder zu sorgen, erklärte mir meine erfahrene Kollegin.

Damals fragte ich mich, ob bei der Mutter vielleicht eine „Hyperaufmerksamkeit“ vorliegt? Ist sie „überaufmerksam“ bezüglich Paul? Volle Konzentration auf den Sohn? Mir gingen so viele Fragen durch den Kopf.

 

Gespräch mit dem „AD(H)S“-Kind Paul

Am nächsten Tag fragte ich Paul, ob ich bei seiner nächsten Sitzung mit der Kollegin dabei sein dürfe. Da er dies bejahte, trafen wir uns zwei Tage später.

Es wurde ein sehr offenes Gespräch, bei dem sich Paul als ein offener, aufgeweckter und intelligenter Junge zeigte. Hier seine Aussagen in der Reihenfolge des Gesprächs und in Stichpunkten:

  • Ich möchte keine Gitarre spielen
  • Ich möchte mehr Zeit mit meinen alten Freunden verbringen
  • Ich will nicht so lange lernen
  • Ich möchte, dass mein Vater häufiger mit mir spielt
  • Ich möchte mittags alleine lernen – ohne meine Mutter
  • Ich möchte nicht ständig von meiner Mutter abgehört werden
  • Ich möchte, dass wir am Wochenende mehr gemeinsam unternehmen

Ich bat Paul, seine Wünsche und auch seine Kritik an seinen Eltern in einem Brief zu formulieren. Meine Idee war, dass wir uns alle, also einschließlich der Eltern, in der darauffolgenden Woche zu einem gemeinsamen Gespräch treffen. Wichtig war mir besonders, dass bei diesem Termin außer der Mutter auch der Vater anwesend sei.

Paul fragte mich, ob er mir den Brief vorher zum Lesen geben könne. Und das versprach ich ihm.