AD(H)S Kopfstehen

AD(H)S und „Normalität“

Als betroffene Mutter und Pädagogin sehe ich AD(H)S nicht als Störung bzw. Krankheit an. Und das ist sie ja auch nach Leon Eisenberg nicht: AD(H)S ist eine erfundene Krankheit. [1]

Für mich sind Kinder, die den Stempel AD(H)S aufgedrückt bekommen haben, junge Menschen mit vielfältigen Qualitäten wie z.B. Hilfsbereitschaft, Sensibilität etc. Nur werden diese Qualitäten in der Schule nicht abgeprüft – einfach weil diese Werte nicht abprüfbar sind.

Diese AD(H)S Kinder sind in meinen Augen vollkommen normal – nur was ist „normal“? Und wer hat den Standard der „Normalität“ festgelegt? „Normalität“ ist total willkürlich und je nach Erwachsenen (Eltern, Lehrer, Ärzte etc.) ist Normalität verschieden.

Was z.B. der eine Lehrer noch als normales, kindliches Verhalten ansieht, empfindet ein anderer schon als abnormal und fordert die Eltern auf, das Kind ärztlich untersuchen zu lassen.

In meiner mehr als 30-jährigen Lehrtätigkeit als Realschullehrern habe ich kein einziges Kind kennengelernt, das AD(H)S hatte – auch wenn mir Eltern oft ihr Kind als AD(H)S Kind vorgestellt haben!

Es gibt in meinen Augen keinen Maßstab, mit dem man Normalität bei Kindern (und übrigens auch nicht bei Erwachsenen) messen kann.

Deshalb dürfen wir in meinen Augen alle umdenken. Erwachsene sollten ihre Lebensweise und besonders den Umgang mit den Kindern neu überdenken.

Diesen Umgang mit Kindern nennen wir für gewöhnlich Erziehung. Und da liegt m.E. schon der berühmte Hund begraben, denn in dem Wort „erziehen“ steckt das Wort „ziehen“. Wir ziehen unsere Kinder dorthin, wo wir sie gerne haben wollen. Wir fragen uns überhaupt nicht, ob sie auch dort hin wollen. Darum sollten wir das Wort Erziehung lieber durch das Wort BEGLEITUNG ersetzen. Wir begleiten unsere Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Natürlich weiß ein Kind noch nicht, wo es genau hin will. Deshalb ist es wichtig, dass wir ihm Wege zeigen und es auf diesen Wegen begleiten, damit es seine Fähigkeiten und Talente entfalten kann. Nach Prof. Gerald Hüther, einem der renommiertesten Gehirnforscher, den ich leider während meiner Ausbildung nicht kennengelernt habe, ist Talent immer „als Möglichkeit angelegt. Man hat [z.B.] ein Talent zum Klavierspielen, ist aber noch kein perfekter Pianist.“ [2]

Auf Grund der genetischen Programme in unseren Gehirnen können Kinder alles lernen, „was es in ihrer Lebenswelt gibt.“ Dabei ist es nicht wichtig, wie viele Nervenzellen ein Mensch besitzt. Zu Beginn seines Lebens besitzt jeder Mensch sogar ein Drittel mehr Nervenzellen als er benötigt. Wichtig ist, wie diese Nervenzellen miteinander verknüpft werden. „Intelligente und kreative Menschen haben ein hohes Verknüpfungspotential; das sind Leute, die in unterschiedlichen Problemlagen immer wieder neue und adäquate Lösungen finden.“

Für uns Eltern und Pädagogen bedeutet dies, dass wir den Kindern die Möglichkeiten geben, ihre Fähigkeiten und Talente zu entdecken und zu entfalten. Sie dürfen also kreativ sein.

Ent-decken bedeutet, dass etwas be-deckt, also verborgen war. Bei diesem Wortspiel wird deutlich, dass dieses „Entdecken“ mit dem Wort „Erziehen“ nicht geht. Nur wenn wir unsere Kinder begleiten, können wir zusammen mit ihnen ihre Talente entdecken.

Wenn ich Kinder in ihrem Leben begleite, dann kann ich mich auch leichter mit ihnen unterhalten, also mit ihnen reden. Nach Aussage von Prof. Hüther reden Eltern im Durchschnitt nur zehn – in Ziffern 10 – Minuten täglich wirklich mit ihren Kindern. Die restliche Zeit stellen sie ihnen Fragen und ermahnen sie meistens. „Mache dies nicht. Tue das nicht.“

Und wenn wir Erwachsene ehrlich sind, dann reden wir wirklich nicht mit den Kindern. Denn fragen wir die Kinder einmal nach ihren Gedanken? Nach ihren Sorgen? Was sie bewegt? Erkennen wir ihre Stärken und Talente? Loben wir sie? Bestärken wir sie? Ich befürchte nein.

Wenn wir also mit Geschäftspartnern und Kollegen länger reden als mit unseren Kindern, sind diese dann wirklich unsere Partner? Gesprächspartner kann man ja wohl nicht sagen, denn es bleibt wohl häufig bei unseren Kindern nur bei Fragen, Ermahnungen oder gar Vergleichen. „Dein Freund hat aber bestimmt eine bessere Note geschrieben, ist schneller gerannt“ etc, etc. Dazu Prof. Hüther: „Viele junge Leute stehen unter sozioökonomischem Druck – und unter Druck ist eine Potenzialentfaltung nicht möglich.“

Lasst uns also ab heute lieber statt Erzieher aufmerksame Begleiter unserer Kinder sein, die mit den Kindern und Jugendlichen sprechen. Und die ihr aktives, kindliches Verhalten als Normalität ansehen.

Quellen:

[1] http//www.adhspedia.de/wiki/Leon_Eisenberg…..ADHS als „Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“……..

[2] Dazu und im Folgenden: „Die Jagd nach der Begabung. Hirnforscher Gerald Hüther und Talentscout Jelena Jojevic im Gespräch über Jugendliche, die es vom Kiosk an die Uni schaffen, über die neurologischen Voraussetzungen für Potenzial – und darüber, was das mit dem Klettern auf Bäumen zu tun hat. In CARTA 2020. Das Bildungsmagazin des Stifterverbandes. 2017, S.32ff.